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Kuschelparty - Weil jeder Zärtlichkeit braucht

Ein Trend, der von sich reden macht: Die Kuschelparty. Dabei lümmeln wildfremde Menschen auf einer Matratze, streicheln sich überall am Körper und küssen sich in Ausnahmefällen sogar. Das organisierte Massenkuscheln kam vor einigen Jahren aus New York und findet seither auch bei uns immer mehr Anhänger. Eine Bewegung also gegen die Vereinsamung von Großstädtern?

Kuschelparty

Ablauf einer Kuschelparty

Eigentlich ein absurder Gedanke: Man geht zu einer Veranstaltung, auf der man niemanden kennt und soll sich nach einer kurzen Aufwärmphase mit den Fremden in den Armen liegen und Berührungen austauschen, von denen man ursprünglich glaubte, sie nur mit einem Partner oder Geliebten austauschen zu können. Der Siegeszug der Kuschelpartys in den letzten Jahren spricht allerdings für die große Akzeptanz von Fremdberührungen - und für ein enormes Bedürfnis danach. Diese Gruppenzärtlichkeiten haben auch nichts gemein mit Swingerclubs. Sex und Nacktheit sind tabu. Es zählt allein die körperliche Nähe, die viele Menschen heutzutage vermissen. Und so stieß das amerikanische Sexual-Therapeutenpaar Reid Mihalko und Marcia Baczynski geradezu in eine Marktlücke, als sie 2004 die erste Cuddel Party in New York veranstalteten. Denn bald wurde aus dem Gemeinschaftsknuddeln eine regelrechte Bewegung. In Deutschland gibt es inzwischen zahlreiche Kuschelparty-Veranstalter.

Die Intension der Kuschelpartys ist viel mehr als körperlicher Kontakt

Die Idee ist, dass sich Menschen innerhalb einer Gruppe und Anleitung etwas geben und etwas nehmen können, das über die verbale Kommunikation hinausgeht. Etwas, dass tiefe mentale und physische Befriedigung, ein Glücksempfinden, verschafft. Etwas, bei dem Erregung zwar zugelassen wird, das sich aber dennoch auf einer Vorstufe des Sexuellen befindet. Es wird sich also festgehalten, umarmt, berührt, gestreichelt und liebevoll massiert. Der gesellschaftliche Hintergrund für dieses Bedürfnis ist das allmähliche Verschwinden von "Oberste Priorität hat eine Atmosphäre der Geborgenheit"Großfamilien, die Anonymität von Großstädten und die wachsende Menge der Singles in der westlichen Welt. Was Ihnen fehlt ist nicht zwangsläufig der Sex, sondern das elementare Grundbedürfnis nach Berührungen. Bei Babys und Kindern wird dieses Bedürfnis als selbstverständlich angesehen. Der Hospitalismus bei vernachlässigten Kindern ist ein Indiz für die krankmachende Wirkung mangelnder Zuwendung. Längst gilt als gesichert, dass Erwachsene für einen gesunden Leib-Seele-Komplex ebenso der Berührungen bedürfen. Gemeinsam kuscheln gegen einsam leiden lautet also das Motto der Berührungs-Initiative.

Kissen und Kuscheln

Zu den Treffen finden sich bis zu 20 Leute beiderlei Geschlechts ein. Unter Anleitung eines oder mehrerer Kuscheltherapeuten wird zunächst in einer Kennlernrunde das Eis gebrochen. Die Regeln werden erläutert und manchmal wird zu Beginn ein wenig getanzt und sich gegenseitig massiert. Dann wird sich zu entspannender Musik und bei gedimmten Licht langsam aneinander heran getastet. Die Räumlichkeiten sind mit Kissen und Matratzen ausgestattet, so dass meist bequem auf dem Boden gekuschelt werden kann. Über 1-3 Stunden dauert nun der Austausch von Zärtlichkeiten. Ein "Kuschelwächter" passt auf, dass sich alle wohl fühlen, und es nicht zu unerwünschten Übergriffen kommt. Falls doch mal jemand zu forsch ran geht, dann findet ein aufklärendes Gespräch statt. Wiederholungstäter sind von weiteren Aktionen ausgeschlossen. Oberste Priorität hat eine Atmosphäre der Geborgenheit.

    Für eine gelingende Kuschelparty gibt es einige grundlegende Regeln, die einen entspannten Ablauf garantieren sollen

  • Kein Sex auf der Party.
  • Gepflegt und in bequemer Kleidung erscheinen.
  • Vor dem Kuscheln immer um Erlaubnis fragen.
  • Das Recht Nein zu sagen - und auch das Nein des Kuschelpartners respektieren.
  • Die Möglichkeit, eine Entscheidung wieder von Ja zu Nein und von Nein zu Ja zu ändern.
  • Die eigenen Grenzen und die der anderen respektieren.
  • Absolute Freiwilligkeit.
  • Sich bei Fragen oder Bedenken an den/die Trainer/in wenden.
  • Alkohol ist tabu.

Der Effekt der Kuschelpartys

Sich gegenseitig auf eine zwanglose Art und Weise anzufassen, kann bei vielen Menschen eine nahezu therapeutische Wirkung erzielen. Kuscheln hat nachweislich einen beruhigenden, und somit stressreduzierenden Effekt. Bei angenehmen Berührungen senkt sich der Spiegel des Stresshormons Cortisol, gleichzeitig beruhigt sich der Parasympathikus, ein Teil unseres vegetativen Nervensystems. Herzschlag, Atmung und Blutdruck normalisieren sich, eine Tiefen-Entspannung wird möglich. So wird nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern auch das Immunsystem gestärkt.

Und hinterher wieder allein?

Das große Problem von Kuschelpartys ist das Danach. Eben noch rollte man sich gemeinsam vergnügt über den weichen Boden, da ergeht auch schon das Schluss-Signal Kuscheltherapeuten: das Licht wird behutsam hochgedimmt, die Musik verstummt allmählich, die Nachbereitungs-Runde setzt ein. Zwar hält das gute Empfinden noch eine Weile vor, aber spätestens, wenn man den Schlüssel zur Single-Wohnung umdreht, hat einen die Realität wieder in ihren Klauen. Um dem zu entgehen, sollte man sich zwei Dinge klar machen: Erstens, warum man zu Kuschelpartys geht, was man folglich erwarten kann – und was nicht! Kuschelparty verstehen sich nicht als Single-Börse. Aber selbstverständlich besteht immer die Möglichkeit, tatsächlich jemanden kennenzulernen. Und zwanglos Telefonnummern auszutauschen, ist natürlich auch nicht verboten. Vielleicht kuschelt man dann ja bald wieder nur zu zweit.

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